Eiskalte Welt
Er ist in einem Raum. Der Raum ist völlig schwarz. Er kann nichts sehen. Nicht einmal die Hand vor den Augen. Er ist unwissend. Soeben aufgewacht. Völlig ohne Orientierung. „Hoffentlich gewöhnen sich meine Augen bald an die Dunkelheit“, denkt er bei sich. Doch darauf kann er noch einige Wochen warten. Er friert am ganzen Körper. Er schreit wie wild. Er wollte nicht aus der Wärme gerissen werden. Doch genau das tat der Mann in weiß. Er fühlt, wie er in das Leben geschmissen wurde. Seine Mutter starb bei seinem ersten Atemzug. Doch das weiß er alles noch nicht. Er fühlt nur die Kälte der Welt. Er fühlt metallene Schärfe auf seinem Körper. Er hat Angst. Angst. Das erste Gefühl, das er in dieser Welt kennengelernt hat...
3 Jahre später:
Er ist jetzt schon drei Jahre alt. Er kann sehen, riechen, fühlen, schmecken und hören. Auch Reden kann er schon ein wenig. Er ist bei einer Pflegefamilie untergebracht. Doch das weiß er nicht. Er sagt zu ihnen Mama und Papa. Doch seine Mutter ist tot und sein Vater ist abgehauen. Er ist ein sehr ruhiges Kind. Im Kindergarten spielt er weder mit anderen Kindern, noch mit den Erzieherinnen. Er hat keine Freunde. Er lachte nicht, er weinte nicht. Er lässt keine Gefühle durchscheinen. Weder Freude noch Leid. Als wäre die Welt schlecht zu ihm. Doch er kennt diese Welt erst seit knapp drei Jahren. Morgen ist sein dritter Geburtstag. Es werden keine Freunde kommen. Welche auch...
3 Jahre später:
Er wurde eingeschult. Er ist immer noch sehr schweigsam. Er verständigt sich nur, wenn es wirklich nötig ist. Auch im Unterrichtsgespräch in der Schule macht er nicht mit. Er sitzt schweigsam in der hintersten Ecke des Klassenzimmers. Während die anderen Kinder in der Pause spielen sitzt er da und tut nichts. Die Lehrer dachten erst, dass er nicht sehr schlau ist. Doch dann bemerkten sie, dass er schreiben, lesen und rechnen kann. Er konnte schon komplizierte Gleichungen rechen, die man normalerweise erst in den fortgeschrittenen Schulen rechnete. Morgen war sein sechster Geburtstag. Es werden keine Freunde kommen. Welche auch...
4 Jahre später:
Er wird auf dem Gymnasium aufgenommen. Immer noch ist er sehr schweigsam. Auch hier beteiligt er sich nicht am Unterrichtsgespräch. Eines Tages wird er von seinem Mathelehrer an die Tafel gerufen. Er stellt ihm eine Aufgabe. Er löst sie mit Rekordgeschwindigkeit. Der Mathelehrer war sehr erstaunt. An diesem Tag redete er mit dem Rektor der Schule darüber. Auch er war sehr erstaunt. Sie beschlossen, ihn zu fördern. Doch am Tag darauf kam der Lehrer, der ihn fördern sollte in das Büro des Rektors und sprach aufgeregt von einem Wunder. Er konnte den Jungen weder fordern noch fördern. Er hatte die kompliziertesten Gleichungen gelöst, die der Lehrer kannte. Morgen war sein zehnter Geburtstag. Es werden keine Freunde kommen. Welche auch...
4 Jahre später:
Er ist jetzt in der Mittelstufe. Er ist auch in evangelischer Religion, weil es seine Pflegeeltern so wollten. Er weiß noch immer nicht, dass es nicht seine echten Eltern sind. In Religion wird seine Sicht auf die Welt klar. Sie ist kalt. Für ihn gibt es keinen Gott. Er hat schon zu viel Leid erfahren. Er äußert sich im Unterrichtsgespräch trotzdem nicht zu diesen Themen. Diese Haltung zu Gott und der Welt wird in seinen schriftlichen Arbeiten deutlich. Schnell wird auch klar, dass er in den Naturwissenschaften sehr talentiert ist. Sowohl in Biologie, als auch in Chemie ist er gut. Aber in Physik ist er nicht zu übertreffen. Er löst die schwierigsten Probleme. Unter anderem erklärt er in einem Aufschrieb seinem Lehrer die String-Theorie. Er wird von der Schule nicht weiter gefördert, da dies nicht möglich ist. Morgen ist sein vierzehnter Geburtstag. Es werden keine Freunde kommen. Welche auch...
3 Jahre später:
Er ist jetzt in der Oberstufe des Gymnasiums angelangt. Er belegt alle Naturwissenschaften 4-Stündig. Am Unterrichtsgespräch beteiligt er sich immer noch nicht. Die Lehrer erkennen das Potenzial in ihm. Doch wenn er nicht redet können sie ihm keine guten mündlichen Noten geben. Doch seine schriftlichen Arbeiten sprechen für ihn. Er hat in jedem einzelnen Fach 15 Punkte. Die schule hat beschlossen ihn zum Schulpsychologen zu schicken. Doch er hat sich bis jetzt noch nicht geöffnet. Seine Sicht auf die Welt hat sich noch nicht geändert. Er hat Religion abgewählt und belegt jetzt Ethik. Morgen ist sein siebzehnter Geburtstag. Es werden keine Freunde kommen. Welch auch...
1 Jahr später:
Er hat sein Abi bestanden. Seine Pflegeeltern haben beschlossen ihm die Wahrheit zu erzählen. Er ist bald nicht mehr an sie gebunden. Er hat ein Recht darauf, dies zu erfahren. Als ihm seine Pflegemutter dies mitteilen will, verbietet er ihr den Mund und sagt ihr, dass er das schon seit seiner Kindheit wusste. Seine Pflegeeltern waren sehr erstaunt darüber. An diesem Tag redeten sie nicht mehr miteinander. Morgen ist sein achtzehnter Geburtstag. Bald ist er ein freier Mann. Es werden weder Freunde noch Pflegeeltern kommen. Warum auch...
2 Jahre später:
Er studiert jetzt Physik und Chemie im Dualstudium. Er bekam ein Stipendium von seiner Schule. Er ist auch in seinem Studiengang der Klügste und Intelligenteste. Er beteiligt sich mündlich überhaupt nicht. Er ist bei einem Psychologen, dem er von der Uni zugewiesen wurde. Er öffnet sich noch immer nicht. Morgen ist sein zwanzigster Geburtstag. Es wird niemand kommen. Wer auch...
1 Jahr später:
Er ist jetzt im 2 Semester seines Studiums. Er hat eine wunderschöne Person kennengelernt. Sie ist im Studiengang für Lehramt. Wenn er sie sieht fühlt er sich, als wäre er im Himmel (auch wenn er nicht an so etwas glaubt). Bei seinem Psychologen öffnet er sich langsam. Es geht besser, immer wenn er sie sieht. Dann redet er wie ein Wasserfall. Doch er hat sich noch nicht getraut sie anzusprechen. Morgen ist sein einundzwanzigster Geburtstag. Niemand wird kommen. Wer auch.
1 Jahr später:
Er hatte sich getraut, sie anzusprechen. Er hatte sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen will. Doch sie hatte abgelehnt. Er ging weder zum Psyologen, noch in die Uni. Er lebte in Dunkelheit. Niemand kam ihn besuchen. Niemand kam ihn suchen. Morgen ist sein zweiundzwanzigster Geburtstag. Niemand wird kommen. Niemand wird ihn finden. Wer auch...
8 Jahre später:
Er war nicht mehr in der Uni. Und nicht mehr beim Psychologen. Er wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Niemand hatte ihn in den letzten 8 Jahren vermisst. Seinem Leben war von einer Person mit einem Wort der Sinn genommen. Er hat sich selbst gehängt. Er hat seinem Leben ein Ende gesetzt. Zu seiner Beerdigung kam niemand. Auf seinem Grabstein stand nichts. Morgen hätte er seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert. Niemand wäre gekommen. Wer auch...
Lukas Berberich, 30.01.2011